| abstract
| - Die einzige Untote, die sie noch lebend vorfinden, ist ein zerfledderter und missgestalteter Kadaver ohne Gesicht. Eine zerbrochene, schmutzige Leiche, die sich plappernd vor und zurück wiegt und ihre schrecklich schimmernden Augen nicht von dem Bündel nimmt, das direkt vor ihr auf der Erde liegt. Erst als sie näher treten und Marcais’ Männer ihre Laternen entzünden, erkennen sie, worauf das Monster in seiner gutturalen Sprache einredet. „Beim Licht… das ist ein Kind!“ Marcais' erster Waffenträger, Raston, schreckt entsetzt zurück und starrt auf das Bündel, als könne er nicht glauben was er sieht. „Ein Kind! Ich glaube…“ „Still!“ Marcais hat es ebenfalls gesehen. Eine falsche Bewegung, und die Geißeldienerin könnte sich auf das wehrlose Kind stürzen. Er vollführt eine schnelle Geste und wirft seinen Kriegshammer auf den Boden. Bis gerade waren seine Bewaffneten noch wie gelähmt von dem beängstigenden Bild, das sich ihnen darbietet. Jetzt reagieren sie schnell und vernünftig. Die hockende, zerfetzte Leiche wird umzingelt, Waffen werden warnend von allen Seiten an ihr Gesicht und ihren Leib gehalten. Sie scheint es gar nicht wahrzunehmen und hält ihr zerstörtes Gesicht auch weiterhin auf das Kind gerichtet. Mit der verbliebenen, klauenähnlichen Hand streichelt sie es. Marcais’ spürt, wie sich ihm alle Haare aufstellen und hört sich selbst angeekelt aufstöhnen. Sehr langsam geht er in die Knie. Sehr langsam streckt er seine Arme nach dem Kind aus. Sehr, sehr langsam zieht er es aus ihrer Reichweite und betet zum Licht, dass sie es nicht verletzt, bevor er es in Sicherheit hat. In diesem Moment blickt sie auf. Aus dem schmutzigen, zertrümmerten Gesicht blitzen ihn die Augen mit schrecklicher Klugheit an. Die gespaltenen Lippen verziehen sich zu… einem Lächeln? Es ist schwer zu erkennen, aber ja... Marcais glaubt, ein Lächeln in ihrem Gesicht zu sehen. Sie nickt ihm zu, deutet auf das Kind, macht eine winkende Bewegung in seine Richtung. Er erhebt sich wieder auf die Beine und geht schnell einen Schritt rückwärts, um Abstand zwischen sie und das Kind zu bringen. Er starrt sie verwirrt an und fragt sich, wieso sie und die anderen den Posten überfallen haben. Und woher sie diese seltsame Beute, ein lebendes Kleinkind, wohl haben mögen. Was sie mit dem armen Kind getan hätten, wenn er und seine Männer nicht schnell genug gewesen wären. „Beim Licht was ist hier nur geschehen?“ Rastons Hand zittert, während er die Tote mit seinem Schwert weiter in Schach hält. Er ist bleich wie ein Laken und hektische rote Flecken blühen auf seinen Wangen auf. Auch die anderen Männer starren angewidert auf das unnatürliche Wesen in ihrer Mitte. „Was hat sie dem Kind angetan, was ist hier passiert… beim Licht, oh beim Licht…das ist eine verfluchte Nacht…eine verfluchte Nacht…“ Marcais wirft seinem ersten Waffenträger einen strengen Blick zu und drückt das Kind einem der anderen Männer in die Arme. „Was auch immer sie ihm antun wollte, sie hatte nicht mehr die Kraft dazu“, erklärt er grimmig. „Es ist jetzt in Sicherheit und sie kann ihm kein Leid mehr zufügen.“ Ein sachter Zweifel nagt an seiner Überzeugung und lähmt ihn für einen Moment. Die Untote nickt ihm erneut zu und sagt etwas. Sie gibt ein Geräusch von sich, das ein Lachen oder Kichern sein könnte und sinkt fast zur Seite, hält sich dann aber doch mühsam in ihrer schwankend-knieenden Position. Es ist unmöglich an diesem vernichteten Gesicht zu erkennen, was sie denkt, will oder fühlt. Wenn sie überhaupt denken, wollen oder fühlen kann. Etwas ist seltsam an ihr… aber Marcais schüttelt diesen Eindruck ab und gibt sich endlich einen Ruck. Er weiß, was er zu tun hat. Er hebt seinen schweren Streithammer vom Boden auf. „Und nun beruhige dich, mein alter Freund. Ich weiß, man muss mehr als einen Untoten sehen, um sich an dieses Grauen zu gewöhnen. Doch diese hier ist jetzt keine Gefahr mehr. Also belaste dich nicht. Das Kind wird leben, und jetzt ist nur das wichtig.“ Marcais erhebt seinen Hammer ein wenig höher und konzentriert sich auf die Kräfte des Lichts. „Nur das ist wichtig“, wiederholt er bekräftigend - auch für sich selbst. Er umfasst den Schaft des Hammers fester und beginnt, mit lauterer Stimme zu sprechen, damit ihn alle hören können. „Seht! Das ist es, was die Geißel aus Menschen macht. Untote Leichenfresser wie diesen, die unsere Länder bedrohen und mit Krieg von Norden her kommen. Ihr hattet noch nie einen Untoten gesehen? Jetzt habt ihr es. Vergesst niemals, was ihr erblickt habt! Ohne Gnade, ohne Furcht ziehen sie voran. Seht, was die Brennende Legion auf uns gehetzt hat.“ Er spürt die leichte Vibration, als die in seinen Hammer geprägten Runen vom Licht erfüllt werden. Die Waffe wird in seinen Händen leichter und schwerer zugleich, als er sie über seinen Kopf hebt. Das Metall beginnt, sanft von innen heraus zu schimmern. „Betet zum Licht und habt Vertrauen. Noch hat die Dunkelheit nicht gesiegt.“ Er blinzelt und zögert wieder… die Augen dieser Untoten sind seltsam. Sehr seltsam. Er gestattet sich keinen weiteren Gedanken. „Noch hält das Licht die Finsternis auf! SEHT IHR?“ Er lässt den Hammer herunterfahren und ruft das Licht um Kraft an. Sie schaut ihn unverwandt an, zuckt nicht, versucht nicht auszuweichen, bleibt einfach sitzen, bis der Hammerkopf ihren Schädel trifft und zerspringen lässt. Er schmettert sie mit aller Macht nieder. Reinigt sie. Erlöst sie. Später legen sie die Leichen auf einen Haufen, verbrennen sie und segnen ihre Asche ein. Am Eingang des Passes finden sie am nächsten Morgen weitere erschlagene Untote. Und keine Spur von denjenigen, die sie niedergestreckt haben. Wessen Sohn auch immer das Kind war: Die Eltern hatten noch Zeit seinen Namen aufzuschreiben und an einem Zettel um seinen Hals zu hängen. Marcais bringt den kleinen Peter nach Hillsbrad. Niemals findet man heraus, woher er kam.
|